Islam und Demokratie

Was die arabische Welt von Indonesien lernen kann

Seit 1945 stützt sich die Indonesien auf die Staatsphilosphie "Pancasila", die unter anderem für religiöse Toleranz und Gerechtigkeit steht. Nach dem Scheitern der Arabellion könnte sie eine Vorbildfunktion für einen demokratischen Neubeginn in vielen arabischen Staaten einnehmen, meint Abhishek Mohanty.

In der heutigen Zeit bemühen sich die Länder mit arabischer Mehrheitsbevölkerung darum, die Verbindungen zwischen Staat, Religion und Zivilgesellschaft zu festigen. Seitdem 2011 im Nahen Osten der sogenannte Arabische Frühling begann, stellt dies für die Herrscher in der Region das wohl wichtigste Ziel dar. Als Folge der Arabellion haben sich die politischen Szenarien in der arabischen Welt mittlerweile verändert. Die diktatorischen Regimes erhielten eine klare Botschaft: Wenn Ihr an der Macht bleiben wollt, müsst Ihr einen Mittelweg finden und Eure Politik so gestalten, dass sie allen zugute kommt.

Indonesien – ein riesiges Land aus Inselgruppen in Südostasien – hat weltweit die viertgrößte Bevölkerung und ist die größte Nation mit muslimischer Mehrheit. Doch viele wissen nicht, dass der Islam, obwohl im Land überwiegend Muslime leben, in Indonesien keine Staatsreligion ist. Es mag unglaublich klingen, aber dort sind offiziell fünf Religionen anerkannt: der Islam, das Christentum (römisch-katholischer und protestantischer Glaubensausrichtung), der Hinduismus, der Buddhismus und der Konfuzianismus. Seit der Unabhängigkeit von den Niederlanden im Jahr 1945 hat sich Indonesien zu einer Demokratie entwickelt, die durch kulturelle Vielfalt und eine vernünftige Auslegung des Islam geprägt ist.

Um ihre autoritären Regimes zu rechtfertigen, behaupten Machtpolitiker im arabischen Raum zumeist, ihre Regierungstradition sei vom Propheten Mohammed selbst legitimiert worden. Sie bestehen darauf, die Vermischung von Religion und Staat sei untrennbar und dürfe nicht hinterfragt werden.

Für ein friedliches Zusammenleben: die "Pancasila"

Die meisten Länder der arabischen Welt haben den Islam zur Staatsreligion erklärt und ihre Verfassung am Koran ausgerichtet. Indonesien hingegen beruht auf dem politischen Grundsatz der sogenannten "Pancasila", welche die säkularen, demokratischen und nationalistischen Prinzipien betont.

Indonesische Frauen beten in einer Moschee; Foto: Getty Images
Indonesiens Konzept der Vielfalt in der Einheit für die arabische Welt: "Die indonesische Version des Islam wird allgemein für ihren lebendigen rationalen Diskurs geschätzt. Sie ist bemerkenswert offen für alternative Meinungen und religiöse Vielfalt. Wollen die Reformer der arabischen Welt ihre Länder positiv und nachhaltig verändern, sollten sie auf Indonesien blicken und etwas von dem übernehmen, das sich dort bereits seit langer Zeit bewährt hat", schreibt Abhishek Mohanty.

Wie kann es sein, dass die "Pancasila" als nationalistische Ideologie eine integrierende Wirkung auf die Gesellschaft hat? Tatsächlich sind die fünf Grundsätze der indonesischen Politik weit entfernt vom arabischen Nationalismus. Während Letzterer auf einer gemeinsamen ethnischen Zugehörigkeit, Sprache und Kultur beruht, stellt der indonesische Nationalismus genau das Gegenteil dar: Er ist multiethnisch, multikulturell und mehrsprachig, und kann daher als progressiv bezeichnet werden. Die "Pancasila" beruht auf folgenden Prinzipien:

Erstens dem Glauben an einen einzigen und alleinigen Gott (laut Artikel 29 der indonesischen Verfassung nimmt kein bestimmter Gott und keine bestimmte Religion einen übergeordneten Status ein).

Zweitens einer gerechten und zivilisierten Menschheit (mit kultureller und religiöser Freiheit sowie gegenseitigem Respekt).

Drittens einem vereinigten (multiethnischen, multikulturellen und mehrsprachigen) Indonesien,

Viertens dem Prinzip der Demokratie unter der weisen Führung von Volksvertretern (Indonesien ist demokratisch, während in den dünn besiedelten Golfstaaten immer noch religiöse Autokratien herrschen),

Fünftens sozialer Gerechtigkeit für alle Indonesier (unabhängig von ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit).

Apostasie, Blasphemie und soziale Ausgrenzung

Die konservativen islamischen Regeln der arabischen Welt verbieten es nichtmuslimischen Männern, muslimische Frauen zu heiraten. Um dies zu tun, müssen sie vorher zum Islam konvertieren. Und will jemand dem Islam entsagen und einen anderen Glauben annehmen, wird er als abtrünnig betrachtet. Die betreffende Person wird sozial ausgegrenzt oder sogar hart bestraft. Andere religiöse Praktiken offen auszuüben, wird als Blasphemie betrachtet, und selbst jegliche konstruktive Kritik am Islam gilt bereits als eine Bedrohung des Staates und der Religion.

Indonesiens früherer Präsident Abdurrahman Wahid; Foto: picture-alliance/dpa/AFP
Führende Persönlichkeit für den demokratischen Wandel Indonesiens: Abdurrahman Wahid, genannt Gus Dur, war der erste demokratisch gewählte Präsident nach dem Ende der Suharto-Diktatur. Er kämpfte für den interreligiösen Dialog und einen friedlichen Islam. Schon früh forderte er von den Ulamas, sich für eine "soziale und kulturelle Transformation der Gesellschaft" zu engagieren. Abdurrahman Wahid starb im Dezember 2009.

In Indonesien ist dies anders: Wollen dort Angehörige unterschiedlicher Religionsgemeinschaften heiraten, muss einer der Partner zu einer der sechs anerkannten religiösen Glaubensrichtungen konvertieren. Muslimische Männer oder Frauen können die Religion ihrer Ehepartner annehmen, ohne gegen ein Gesetz zu verstoßen, da in Indonesien keine speziellen Gesetze gegen Abtrünnigkeit existieren.

Zwar gibt es ein Blasphemiegesetz, aber es unterscheidet sich doch recht deutlich von der arabischen Version. Laut Artikel 156(a) des indonesischen Strafgesetzbuchs werden öffentliche Äußerungen oder Handlungen mit Gefängnis von bis zu fünf Jahren bestraft, die die Eigenschaft haben, "einer in Indonesien befolgten Religion feindlich gesinnt zu sein, sie zu beschimpfen oder zu verleumden", oder den Zweck haben, "eine Person an der Ausübung einer Religion zu hindern, die auf dem Glauben an den allmächtigen Gott beruht".

Also stehen in Indonesien einerseits alle Religionen unter Schutz, aber andererseits wird die Verbreitung des Atheismus bestraft – eine Entwicklung, die sich zukünftig noch ändern könnte.

Indonesiens progressive islamische Denker

Indonesien hat einige außergewöhnlich progressive muslimische Denker und Aktivisten hervorgebracht. Dabei handelt es sich um so unterschiedliche Männer wie Tan Malaka, Haji Misbach, Tjokroaminoto, Agus Salim, Mohamad Natsir, Kartosuwiryo, Nurcholish Madjid, Dawam Rahardjo, Kuntowijoyo und Abdurrahman Wahid.

Bisher wurde kaum eine ihrer Schriften ins Arabische oder Englische übersetzt. Daher konnten ihre bereichernden philosophischen Ansätze in anderen Teilen der Welt nie ihre Wirkung entfalten. Doch würde man diese Schriften der arabischen Welt zugänglich machen, hätte dies zweifelsohne einen überaus positiven Effekt auf die Bevölkerungen und politischen Systeme.

In allen Ländern des Nahen Ostens haben islamistische Gruppen an Einfluss gewonnen, da sie als Garanten des Widerstands gegen diktatorische Regimes betrachtet und als "aufrecht bzw. authentisch" und als "unverdorben" gesehen wurden. In Indonesien hingegen sind die religiösen Vereinigungen durch progressive Intellektuelle geprägt, die  Religion und Demokratie für durchaus miteinander vereinbar halten.

Da diese öffentlichen Intellektuellen mit religiösen Massenbewegungen in Verbindung stehen, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung der Inselrepublik. Sie nehmen an der politischen Gesellschaft teil und tragen damit dazu bei, die Demokratie zu legitimieren und demokratiefreundliche Koalitionen in Indonesien zu fördern.

Studierende an der Universität Depok, West-Java; Foto: imago/Xinhua
Progressives und beispielhaftes Bildungssystem: "Indonesien war schon immer säkular und fortschrittlich in Hinblick auf Erziehung und Wissenschaften eingestellt. Die muslimischen Schulen und Universitäten des Landes verwenden den Islam zwar als Grundlage, doch meist in Verbindung mit progressivem Nationalismus."

Auch was die Bildung seiner Bürger angeht, war Indonesien immer schon säkular und progressiv eingestellt. Die muslimischen Schulen des Landes beispielsweise verwenden den Islam zwar als Grundlage, doch meist in Verbindung mit progressivem Nationalismus. Weiterhin ist der indonesische Islam für seine synkretisch-okkulten Rituale bekannt, die aus der hinduistischen Tradition Javas stammen. Auch heute gibt es immer noch eindrucksvolle Hindu-Rituale, die sich mit islamischen Sitten und Praktiken vermischt haben.

Toleranz und Offenheit für alternative Positionen

Die indonesische Version des Islam wird allgemein für ihren lebendigen rationalen Diskurs geschätzt. Sie ist bemerkenswert offen für alternative Meinungen und religiöse Vielfalt. Liberale und reformorientierte Trends, wie etwa die muslimisch-feministischen Bewegungen des Landes, sind äußerst aktiv und bis heute im ganzen Land weit verbreitet. In den säkularen Teilen der arabischen Welt sind sie dafür bekannt, dass sie eine machtvolle Allianz diverser Frauengruppen und einzelner Aktiver hervorgebracht haben, die eine Vielzahl von Frauenthemen von der Basis bis auf die legislative Ebene einbringen. In der arabischen Welt hingegen besteht die überwiegende Mehrheit der muslimisch-feministischen Bewegungen aus Angehörigen der Upper-Class und der politischen Eliten.

Letztlich verändert sich alles: die Zeiten und Umstände, die politischen Philosophien, die Strukturen der wirtschaftlichen Eliten, die Muster der Beziehungen zwischen Militär und Zivilgesellschaft und die entsprechenden Positionen innerhalb des internationalen Systems von Macht und Autorität. Manches davon wandelt sich langsam, anderes schneller. Wollen die Reformer der arabischen Welt ihre Länder positiv und nachhaltig verändern, sollten sie auf Indonesien blicken und etwas von dem übernehmen, das sich dort bereits seit langer Zeit bewährt hat.

Abhishek Mohanty

© Mashreq Politics & Culture Journal (MPC) 2018

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: Was die arabische Welt von Indonesien lernen kann

Der Beitrag von Abhishek Mohanty braucht ein dringendes update auf die heutige Realität. Was einmal war, das ist nicht mehr. Heute werden religiöse Minderheiten verfolgt, vertrieben und mitunter sogar ermordet. Indonesien ist weit davon entfernt der arabischen Welt ein Vorbild zu sein. Im Gegenteil findet eine Arabisierung des indonesischen Islam statt, der längst sämtliche Lebensbereiche erfasst hat. Von Auspeitschungen in der Provinz Aceh, über Kopftuchvorschriften, nächtliche Ausganssperren für unbegleitete Frauen, die Verfolgung von LGBT, zunehmende Restriktion gegen Alkoholausschank oder -verkauf, bis hin zu Handelsbarrieren für Waren ist alles dabei. Letztgenannte Vorschriften für Waren, die als "halal" (islamisch rein) gelten sollen, gehen sogar weit über entsprechende Regelungen Saudi-Arabiens hinaus. Wahlen werden nach religiösen und ethnischen Kriterien "gewonnen", während dem ehemaligen christlichen Gouverneur im Wahlkampf der Prozess wegen "Blasphemie" gemacht wurde.
Kennt Abhishek Mohanty Indonesien? Vielleicht wenigstens aus der Zeitung? Oder wurde zum Schreiben dieses Artikels nur auf die schönrednerischen Darstellungen seitens indonesischer Regierungsstellen zurückgegriffen?
Recherche geht anders. Und Information geht noch viel anders!

Alex Flor03.07.2018 | 23:49 Uhr

Und sind Sie jemals in Indonesien gewesen? Mir scheint Ihre Argumentation sehr stark angelehnt an der alarmistischen BILD-Rundumschlags-Rhetorik: Achtung Scharia überall!!! Hilfe Steinigungen!!! Marodierende Fundamentalisten !!!! Aceh ist ÜBERALL!!! Ich schätze, Sie sind einfach eine ressentimentbeladene Person, die sich noch nie in diesem Land aufgehalten hat, sonst wüssten Sie, z.B. dass der Autor explizit die "Pancasila" als Regierungs- und Verfassungselement für die arabischen Staaten vorschlägt, was ja auch sehr vernünftig ist. Bilden Sie sich erstmal hierzu ausführlich. Außerdem sind ja nicht die Missstände in Indonesien (Stichpunkt radikaler Islam) Gegenstand seines Artikels. Aber bei Ihnen scheint mir alles Kraut und Rüben - Fundis, Auspeitscher, Aceh, schlimm...schlimm. Ich sag doch auch nicht zu Ihnen nur weil Sie aus Deutschland kommen: Ach so, Deutschland? Dann haben Sie bestimmt irgendwie viel mit AfD, dem NSU etc. am Hut. Oder vielleicht: Was du kommst aus Deutschland: Dann kommen Sie doch aus diesem Nazi-Land, gelle?! Oder Ihre Eltern waren dann sicher Faschos, Mörder etc...Achtung Deutscher, die sind irgendwie historisch total vorbelastet, dann müssen sie es wohl auch heute noch sein. Denken Sie mal bei Gelegenheit über Ihre gängigen Verallgemeinerungen, Klischees, Zerrbilder und Feindbilder nach! Und fahren Sie nach Yogya oder Jakarta - da begegnen Sie nicht an jeder Ecke brandschatzenden marodierenden Extremisten!

Kathrin Jansen04.07.2018 | 12:50 Uhr

Inwiefern kann sich ein Staat denn als säkular, demokratisch und tolerant bezeichnen, wenn man in ihm nicht das Recht hat, NICHT religiös zu sein - sondern zwischen sechs Religionen wählen muss?

S. Kaiser04.07.2018 | 19:20 Uhr

Frau Jansen, ich kann sie beruhigen. Ich kenne Indonesien seit 1989 und habe insgesamt mehr als zwei Jahre meines Lebens dort verbracht. Ich bin mit einer Indonesierin verheiratet und im Beruf tagtäglich mit Indonesien beschäftigt. Glauben Sie mir, ich kenne das Land und ich weiß, was ich schreibe. Es liegt mir fern, den Islam zu diskreditieren oder gar meine vielen muslimischen Freund*innen in Misskredit zu ziehen. Viele von ihnen, insbesondere solche mit Nähe zur NU, der größten muslimischen Vereinigung der Welt, sehen die Entwicklungen der letzten Jahre ähnlich kritisch wie ich.
Es sind der tolerante Islam und die ursprünglichen Werte der Pancasila, die es zu retten gilt. Indonesien war diesbezüglich tatsächlich einmal Vorbild für die gesamte Welt. Und auch Aceh war einst eine vergleichsweise tolerante Provinz, die ich zum ersten Mal während des Kriegszustands im Jahr 2000 besuchte. Krieg ist immer schlimm. Aber keine der beteiligten Parteien machte sich damals für die Scharia stark.
Es bleibt leider dabei: der Beitrag von Abhishek Mohanty zeichnet ein längst überholtes Bild Indonesiens, welches mit der gelebten Realität nichts mehr zu tun hat. Auch nicht in Yogyakarta und schon gar nicht in der Hauptstadt Jakarta. Nein, nicht hinter jeder Ecke in diesen Städten lauert ein brandschatzender Islamist. Aber hinter jeder Ecke der beiden Städte konnte man bis vor einigen Jahren zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Flasche Bier kaufen. Das ist vorbei. Und nein - die Verfügbarkeit alkoholischer Getränke sollte sicher nicht der Maßstab für Islamisierung sein. Es ist nur einer von dutzenden Indikatoren, ebenso wie die Zahl der Kopftuch tragenden Frauen oder die Länge der über Lautsprecher übertragenen Aktivitäten in der Moschee. Vor 20, 30 Jahren war das anders, Die Moschee rief fünf mal am Tag zum Gebet. OK. Heute wird die ganze Nachbarschaft über Stunden beschallt: Predigten, Koranlesewettbewerbe der Kinder usw. Zugegeben: im Vergleich zu einigen anderen Staaten ist der indonesische Islam bis heute relativ moderat. Was mir Sorge macht ist der scheibchenweise Rückschritt, den viele nicht erkennen werden, die Indonesien nicht seit Jahrzehnten kennen und lieben gelernt haben. Abhishek Mohantys Artikel beschreibt das Idealmodell, dem Indonesien vor vielen Jahren einmal nahe gekommen war. Mit der gelebten Realität hat das nichts mehr zu tun.
Ich schrieb einige Zeilen zuvor mit Bedacht von den "ursprünglichen Werten" der Pancasila. Denn auch die Pancasila unterlag und unterliegt noch immer der Interpretation bestimmter politischer Kräfte. Während der Diktatur von 1965-1998 wurde diese eigentlich gute Staatsphilosophie zur Gleichschaltung aller politischen und gesellschaftlichen Kräfte instrumentalisiert. Derzeit findet ein neuer Diskurs um die Pancasila statt, bei dem sich zivilgesellschaftliche Gruppen und nationalistisch-militärnahe Gruppen um die Bedeutungshoheit dieser Philosophie streiten. Beiden gemeinsam ist das Interesse eine weitere Arabisierung des indonesischen Islam in Grenzen zu verweisen. Dabei hoffen die einen auf einen Ausbau der Demokratie, die anderen dagegen eher auf ein neuerliches autokratisch regiertes System.
Mich in die Nähe der AfD oder noch extremeren Nazi-Organisationen rücken zu wollen, ist unter der Gürtellinie. Nein, meine Eltern waren keine Faschos. Mein Vater hat das KZ überlebt. Viele andere Onkels und Tanten leider nicht.
Vielleicht wollen Sie sich ja ein Bild davon machen, wer ich wirklich bin und für welche Werte ich stehe. Suchen Sie auf google einfach mal nach "Alex Flor Indonesien". Sie werden dann sicher feststellen, dass ich mir Indonesien und seine Gesellschaft nicht durch Sie erklären lassen muss.
Falls Sie Infos über islamistisch motivierte Taten in Yogya und Jakarta benötigen, wenden Sie sich gerne direkt an mich: flor@watchindonesia.org Ich werde Ihnen dann gerne einige jüngere Berichte zusenden. Falls Sie der indonesischen Sprache mächtig sind, sende ich Ihnen auch gerne ausführliche Berichte des vom im Artikel zurecht gepriesenen ehemaligen Präsidenten Abdurrahman Wahid gegründeten Wahid-Institiuts und andere Studien anerkannter indonesischer Institutionen, die sich mit Religions- und Weltanschauungsfreiheit beschäftigen.

Alex Flor05.07.2018 | 00:35 Uhr

1. Alex Flor gehört zu/ leitet die NGO Watch Indonesia, und zwar seit vielen Jahren. Mit Ihrer lauten, dummem Kritik machen Sie sich nur lächerlich Frau Jansen.
2. Wer sich ganz offensichtlich nicht auskennt in Indonesien, sind Sie: In Yogyakarta ist der islamistische Extremismus inzwischen sogar besonders stark. Wer nicht blind ist, sieht das bereits bei einem flüchtigen Besuch in der Stadt, vor allem in den südlichen Stadtteilen. Achten Sie mal auf die Transparente an den Moscheen. Oder auf das, was gesagt wird, wenn Sie es denn verstehen. Stadt und Provinz Yogyakarta stehen seit Jahren auch in den Untersuchungen unabhängiger Institute ganz oben, was religiöse Intoleranz betrifft, etwa in denen des Wahid Instituts. Was Jakarta angeht, so sitzt der vormalige, christliche Gouverneur der Stadt seit mehr als einem Jahr im Gefängnis wegen angeblicher Beleidigung des Korans. Soviel zum Stand von Toleranz und Islamismus - dieser Artikel ist im Jahr 2018 einfach nur absurd. .
3. Wie bei so vielen Leuten steht auch bei Ihnen Informiertheit und verbale Aggressivität in einem ausgesprochen ungünstigen Verhältnis zueinander. Wenn Sie nichts über die Wirklichkeit des gegenwärtigen Indonesiens sagen wollen oder können, dann schweigen Sie doch lieber ganz. Muslimen tun Sie mit Ihrer Propaganda statt Fakten - Haltung überhaupt keinen Gefallen, denn unter dem Islamismus in Indonesien leiden ja auch (und manchmal gerade) die moderaten, die toleranten oder säkular eingestellten Muslime. Ganz zu schweigen von den Ex-Muslimen.

Peter Dierkes05.07.2018 | 08:10 Uhr

Das Anliegen des Autors, die religiöse Toleranz Indonesiens darzustellen, ist doch erst einmal positiv. Angesichts der vielen Inder und des großen indischen Einflusses ist es wahrscheinlich unmöglich, eine für die Einheit der Araber geschaffene Religion als Einzige durchzusetzen. Außerdem gibt es viel ältere Rituale und Glaubenselemente. Als ich 2004 in Indonesien gearbeitet habe, wurden kurz hintereinander von Autotross des Präsidenten zwei Personen überfahren. Daraufhin ließ der jemanden kommen, um mit Weihrauch die bösen Geister aus seinem Palast zu vertreiben. - Das das Copyright von 2018 ist, kann man sich schon fragen, kürzliche islamistische Tendenzen nicht erwähnt werden.

Auf diese weist Herr Flor in seinem Kommentar hin. Angesichts der Aktivitäten islamistischer Extremisten in Arabien, Deutschland, der Türkei und Zentralasien sind diese Entwicklungen keine zufälligen Schwankungen. Sein Text erweckt allerdings den Eindruck, dass Indonesien jetzt mit Saudi Arabien u. ä. Ländern verglichen werden kann.

Dieser Eindruck rechtfertigt aber nicht Frau Jansens persönlichen Angriff. Statt auf die Argumente über die _Gesellschaft_ Indonesiens einzugehen, tut sie so, als hätte Herr Flor _alle_ Indonesier _persönlich_ als islamistisch bezeichnet. "alles Kraut und Rüben - Fundis, Auspeitscher, Aceh" gibt es in ihrem Kopf, nicht in seinem.

Peter Enders05.07.2018 | 11:17 Uhr

Ich kann den Vorrednern nur bestätigen, dass wahhabitische und radikalislamistische Tendenzen in Indonesien existieren und dort auch gedeihen. Ich finde es jedoch reichlich überzogen, nur von gewaltigen Problemlagen inpunkto Islamismus für die Inselrepublik zu sprechen. Das ist eine sehr verengte Sicht und wird den komplexen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge dort nicht gerecht. In Indonesien finden wir sehr wohl auch religiöse Toleranz, Synkretismus, das friedliche Miteinander verschiedener Ethnien und Religionsgemeinschaften. Das Land hat einen sehr progressiven, demokratisch gewählten Präsidenten... Von daher lässt sich es trefflich nachvollziehen, weshalb Frau Janssen von "Alarmismus" spricht. Wir sollten mit mehr Ruhe, Bedacht und Verständnis auf die Länder der so genannten Dritten Welt und ihrer nachholenden Entwicklung schauen, schließlich haben wir Europäer diesen Staaten dort im Zeitalter des Kolonialismus viel Leid angetan (anstatt ihnen Werte wie Demokratie, Liberalismus und Säkularismus zu vermitteln und einen gerechten Wirtschaftshandel zu offerieren).

Gerwald Marten06.07.2018 | 12:09 Uhr