Kopftuch und Neutralität

"Wir Frauen wollen bestimmen. Wir, nicht ihr!"

Die Lehrerin Fereshta Ludin klagte als erste gegen das Kopftuchverbot in der Schule. Hier schreibt sie über ihre Wut und Enttäuschung über das, was seitdem geschehen - und nicht geschehen ist.

Liebe Befürworterinnen des Neutralitätsgesetzes, liebe Gegnerinnen des Kopftuches in der Schule, im öffentlichen Dienst und anderswo, es ist schon bemerkenswert, dass aus der Geschichte der Diskriminierung, Ausgrenzung und Verbannung anders aussehender und glaubender Menschen in Deutschland absolut nichts gelernt wurde. Seit 1998, also seit sage und schreibe 20 Jahren, reden wir über "Kopftücher raus aus der Schule!", "Kopftücher raus aus dem System", "Kopftuchlehrerinnen raus" aus allem, was für unsere Kinder, Kunden und Co eine Zumutung sein könnte. "Das Stück Stoff" muss einfach: Raus! Am besten überall. Unangenehme Erscheinungen gehören nicht zu unserem Stadt- und Weltbild.

Die Muslima unter diesem Stück Stoff steht für alles Niedere, Minderwertige, sie ist unterdrückt, nicht gleichberechtigt, arm, ungebildet, altmodisch, hilfsbedürftig, orientalisch, hinterwäldlerisch, zurückgeblieben, fanatisch und altertümlich. Also all das, wovon man/frau sich gern distanziert, um nicht in falschem, seltsamen, bedrohlichen Licht zu erscheinen.

Wir glauben an die Verfassung - und an Emanzipation

Ist eine Muslima all das, was euch angst und bange werden lässt? Habt ihr denn traumatische Erfahrungen mit uns gemacht? Steht ein muslimisches Tuch per se nicht mit unserem europäischen Weltbild im Einklang? Ist dann das Ablegen eines Tuches ein Zeichen der Solidarität mit euch, und daher ein Tuch zu tragen ein Zeichen von Gegnerschaft? Und reicht es euch, wenn wir das Tuch ablegen, damit ihr uns als integre und gute Staatsdienerinnen anerkennt?

Warum kämpft ihr so hart dafür, uns die Tücher vom Leibe zu reißen?

 Muslima mit Kopftüchern spazieren in der Innenstadt Münchens; Foto: imago/Ralph Peters
Plädoyer für gesellschaftliche Vielfalt, Akzeptanz und Selbstbestimmung: "Unser Körper gehört uns. Wie oft müssen Frauen wie ich es noch sagen, bis man uns glaubt: Wieviel Körper und Kopfhaar wir sichtbar werden lassen wollen oder nicht, wollen wir selbst bestimmen. Ob wir ein Tuch tragen oder nicht, wollen wir bestimmen", so Fereshta Ludin.

Wir sind Menschen. Keine Fälle und verstaubten Akten, die ein "Neutralitätsgesetz" beseitigen und schreddern kann. Wir sind Menschen mit einem hohen Anspruch an Emanzipation, Würde und Liberalität. Wir glauben an die Demokratie. Wir glauben an die Verfassung. Und wir glauben an die Grundrechte darin, die auch uns zustehen und auch für uns, für dich und mich geschaffen sind. Unser Körper gehört uns. Wie oft müssen Frauen wie ich es noch sagen, bis man uns glaubt: Wieviel Körper und Kopfhaar wir sichtbar werden lassen wollen oder nicht, wollen wir selbst bestimmen. Ob wir ein Tuch tragen oder nicht, wollen wir bestimmen.

Bedrohlich ist, was auf das Tuch projiziert wird

Wir Frauen. Wir, nicht ihr! Wir glauben daran, dass jede Frau das Recht hat, selbstbestimmt einen Glauben zu haben. Auch ob sie ihre Haare bedeckt oder ihren Ausschnitt und Beine zeigt, bleibt ihre Entscheidung. Achtung vor Andersdenkenden ist etwas, das Deutschlands Merkmal bleiben sollte. Deutschland ist weder weiß noch braun noch farblos. Es ist bunt! Die Menschen in Deutschland sind bunt. Lehrer und Lehrerinnen sind bunt. Jeder auf seine Art ein Vorbild. In ihrem Aussehen und der Bekleidung. In ihrer Herkunft und Kultur. In ihrem Wesen und menschlichem Umgang. In ihrer Identität bunt.

Wir können die unterschiedliche Entwicklung der Kulturen und Prägungen der Menschheitsgeschichte weder bei uns noch anderswo ablehnen, leugnen oder verbieten. Ihre Sichtbarkeit zu verbieten heißt, jegliche kulturelle und religiöse Erscheinung zu verleugnen.

Bedrohlich sind Menschen und Bewegungen, die nur das eine zulassen und die Vielfalt abstreiten und auslöschen.

Bedrohlich ist vor allem, dass eine Gruppe von Frauen, die bereits als Frauen Diskriminierungen erfahren, noch mehr Diskriminierung erleiden, weil sie mit Kopftuch, egal ob sie kulturelle oder religiöse Gründe dafür haben, nicht arbeiten dürfen und schon gar nicht als Vorbilder oder Repräsentantinnen eines Staates toleriert und geduldet werden.

Bedrohlich ist, in ein Tuch so viel zu projizieren, dass die Trägerin nicht mehr als Mensch wahrgenommen wird.

Fereshta Ludin, muslimische Lehrerin und Beschwerdeführerin im Kopftuchstreit, im Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe nach der Urteilsverkündung vom 24.09.2003; Foto: dpa/picture-alliance
Kopftuchstreit mit langer Historie: Vor mehr als vierzehn Jahren hatte die Muslima Fereshta Ludin vor dem Verfassungsgericht um ihr Recht gestritten, als Lehrerin im Staatsdienst Baden-Württembergs ein Kopftuch zu tragen. Das Gericht entschied, dass Kopftuchverbote möglich sind, wenn sie eine gesetzliche Grundlage haben. Nach dem Urteil 2003 erließen mehrere Bundesländer pauschale Kopftuchverbote. Mit seiner abermaligen Entscheidung vom 13. März 2015 wandte sich Karlsruhe jedoch von seinem umstrittenen Kopftuch-Urteil gegen die muslimische Lehrerin Fereshta Ludin von 2003 ab.

Ich will meine Menschenwürde zurück

Ich und viele andere wollen, dass das aufhört! Endlich aufhört! Wir erleben seit Jahren einen enormen sozialen, gesellschaftlichen, politischen, medialen und kulturellen Druck, nicht das sein zu dürfen, was wir sein wollen.

Wir wollen als Menschen wahrgenommen werden. Wir wollen in unserer Art der Weiblichkeit wahrgenommen werden.

Und eins noch: Wir haben selbst Kinder, Schwestern oder Brüder, die zur Schule gehen, die tagtäglich mit Lehrerinnen und Lehrern zu tun haben. Lehrerinnen tragen lange, kurze, enge, weite Kleider, Hosen und Shorts. Sie tragen hohe Kragen, tiefe Ausschnitte, Kleidung mit dicken und hauchdünnen Stoffen, dicke und dünne Socken, Schuhe mit niedrigen und hohen Absätzen. Bunte, einfarbige, schwarze und dunkle Kleidung, triste und fröhliche Kleidung. Warum kein Tuch auf dem Kopf?

Ich möchte, dass meine Kinder endlich nicht mehr mit dem Gefühl aufwachsen müssen, dass ihre Mutter nicht würdig ist, an einer Schule zu arbeiten, oder gar anderswo.

Ich will, dass mir meine Menschenwürde vor meinen Kindern zurückgegeben wird. Ich möchte in Würde leben und arbeiten, als Teil der Gesellschaft gleichberechtigt und gleichgestellt mitwirken. Auf Augenhöhe.

Fereshta Ludin

© Tagesspiegel/Fereshta Ludin 2018

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Leserkommentare zum Artikel: "Wir Frauen wollen bestimmen. Wir, nicht ihr!"

Es wäre schön, wenn die Musliminnen, die sich in Deutschland über partielle Kopftuchverbote aufregen, sich ebenso aufregen würden über Kopftuchzwang in islamischen Staaten. Nich nur Verbote sind verwerflich, sondern auch Zwänge. Aber von letzerem hört man von Verfechterinnen des Kopftuches nichts. Das ist aber auch logisch, sehen sie doch das Kopftuch als religiöse Pflicht, die von jeder Muslimin einzuhalten ist, notfalls auch gegen ihren Willen.

Markus09.02.2018 | 15:05 Uhr

Sehr geehrte Frau Ludin,
Ihre Formulierung " Ich will meine Menschenwürde zurück" kann ich im Zusammenhang mit der Kopftuch-Debatte nicht nachvollziehen. Denn weder das Tragen noch das Nicht-Tragen einer Kopfverhüllung entwürdigt einen Menschen bzw. eine Frau.
Das Tragen eines Kopftuches als religiöses Symbol ist in Deutschland m.E. im Alltag schon lange kein Problem mehr! Ich persönlich habe noch nie erlebt, dass eine Frau hierzulande deswegen verbal oder tätlich angegriffen wurde. Und ich freue mich, wenn Frauen mit und ohne Kopftuch offenbar problemlos Kontakt miteinander pflegen können.
Bedauerlich finde ich, dass Menschen jüdischen Glaubens die Symbole ihres Glaubens ( Kippa, Davidstern) hierzulande offenbar nicht gefahrlos im Alltag tragen können. Diese Menschen müssen zur Zeit in Deutschland noch mit Bedrohungen durch Neo-Nazis und religiöse Fanatiker anderer Religionen rechnen. Vielleicht können Sie diese Problematik in Zukunft in Ihr Engagement mit einbeziehen. - Sie sind eine bekannte Persönlichkeit und könnten zur interreligiösen Verständigung, Toleranz und friedlichen Offenheit unserer Gesellschaft einen wertvollen Beitrag leisten...
Unabhängig davon mache ich mir allerdings aus rein praktischen Gründen wegen der Bewegungs-einschränkung und Überhitzung bei sportlichen Aktivitäten der Mädchen und Frauen Sorgen - dies aus eigener Anschauung - wenn manche Mädchen z.B. in der Sommerhitze und/oder beim Sportunterricht ganz offenbar physisch leiden, aber das Kopftuch nicht abnehmen wollen, weil sie dies offenbar für unerlaubt (strafbar oder sündhaft) halten. Die Angst vor Strafe ( - in dieser Welt oder im Jenseits) verhindert dann eine freie Entscheidung zum Nachteil des körperlichen Wohlbefindens und womöglich sogar der Gesundheit.

Ich wünsche Ihnen alles Gute bei Ihrem Engagement für die Anerkennung der Menschenwürde der Frauen!
Mit freundlichen Grüßen, E.W.

Edith Wieshalla09.02.2018 | 22:40 Uhr

Frau Ludin schreibt, die Lehrerinnen ihrer Kinder tragen (unter anderem) Shorts und weite Auschnitte. Das finde ich zugegebener Maßen auch nicht passend. Wie wäre es also, die Lehrerinnen verzichten auf Freizeit- oder Partylook und die orthodoxen Musliminnen verzichten darauf, ständig das staatliche Neutralitätsgebot in Frage zu stellen, welches übrigens auch die jüdische Kippa umfasst. Daher sind all ihre Vorwürfe gegenstandslos.
Aber auch in der Privatwirtschaft hat der Arbeitgeber sehr wohl ein Wort mit zu reden, was das Erscheinungsbild seiner Beschäftigten angeht, trotz Artikel 2, dem Recht freie Persönlichkeitsentfaltung.
Ihr trotziges "Wir, nicht ihr", drückt aus, dass ihr die nötige Kompromissfähigkeit für ein gedeihliches Zusammenleben zu fehlen scheint.

Maria Busold10.02.2018 | 02:59 Uhr

Toller Beitrag. Danke an die Autorin.

Halima Hamdan 10.02.2018 | 16:25 Uhr

Ich halte es für entbehrlich, der Frau Ludin auch noch in Qantara Platz einzuräumen. Hinter Frau Ludin und ihrer hartnäckigen Aktion dürften genau die Islam-Repräsentanten in Deutschland stehen, denen es um Abgrenzung und nicht um Integration geht. Dahinter stecken die üblichen anmaßenden Forderungen einer 6%-Minderheit an die viel zu duldsame Mehrheitsgesellschaft.

Bernd Leber10.02.2018 | 18:49 Uhr

Alle Symbole haben etwas mit Würde zu tun, das ist ihr Sinn. Die Interpretation der Symbole ist kulturell und individuell verschieden, was ebenfalls in der Natur der Sache liegt. Meines Erachtens hat die Autorin absolut Recht, und das sage ich ausdrücklich, obwohl ich persönlich kein Freund des Tragens von Kopftüchern bin.

Thomas Schulze13.02.2018 | 09:11 Uhr

Genau diese Unterstellungen behindern die Integration und die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen. Sie sollten bitte diese Unterstellungen unterlassen und sich mit den Argumenten von Frau Ludin sachlich auseindersetzen.

Christoph Mark17.02.2018 | 12:10 Uhr