17.01.2013NahostkonfliktZwei Staaten für zwei Völker
Wenn man zurückblickt auf die 1970er Jahre, so handelte es sich um eine Zeit des vorsichtigen Optimismus, auch wenn dieser wohl letztlich nicht berechtigt war. Ich möchte denn auch kein zu rosiges Bild von jener Zeit zeichnen, aber in den Jahren, die auf den Krieg von 1967 folgten, kamen sowohl israelische als auch palästinensische Bewohner in der West Bank in den Genuss von Vollbeschäftigung und steigenden Lebensstandard. Die Guerilla-Aktivität der "Fedajin" kam nahezu zum Erliegen und das politische Misstrauen und die Angst wurden durch eine beginnende gegenseitige Neugier und durch einen neuen Dialog verdrängt.
Auch die Grenzübergänge zwischen Israel und der besetzten West Bank waren kaum eingeschränkt. Als ich für meine Doktorarbeit über die politische Herrschaft Israels über die Palästinensergebiete forschte, fuhr ich regelmäßig ungehindert hin und zurück, oft gemeinsam mit israelischen und palästinensischen Kollegen.

Dr. Tony Klug ist Sonderberater zum Mittleren Osten der Oxford Research Group und Vize-Vorsitzender des Arab-Jewish-Forums. Es gab kaum Checkpoints oder Straßenblockaden und keine separaten Highways. Es war völlig undenkbar, dass die winzige West Bank womöglich in drei getrennte Zonen mit eigenen Regierungen aufgeteilt wird. Auch versperrten noch keine hässlichen acht Meter hohen Betonmauern den Blick auf die spektakuläre Landschaft.
Obwohl die Siedlungsaktivität in jener Zeit bereits merklich zunahm, war die Ansicht der meisten Menschen auf beiden Seiten, dass Israel früher oder später einen Großteil der West Bank und des Gaza-Streifens aufgeben würde. Pläne hierzu waren bereits reichlich vorhanden.
Rückzug auf Raten
Die eigentliche Debatte drehte sich damals um das frei werdende Territorium und den Zeitpunkt des israelischen Rückzugs. Viele dachten, dass das Gebiet der evakuierten West Bank wieder an Jordanien zurückfallen würde; und diese Annahme wurde auch von der im November 1967 einstimmig verabschiedeten Resolution 242 des UN-Sicherheitsrats vertreten.
Dennoch begann eine kleine Anzahl von Personen (mich eingeschlossen) die Forderung aufzustellen, dass die West Bank und der Gaza-Streifen nicht an den jordanischen König, sondern an die palästinensischen Bewohner dieser Gebiete gehen sollte, damit sie dort einen unabhängigen und souveränen Staat neben Israel gründen konnten.
Ich war mir sicher, dass jeder, der einen ernsthaften Versuch unternahm, den Konflikt aus der Perspektive der jeweiligen Akteure zu sehen und gleichzeitig in der Lage war, die eigenen Vorurteile und vorgefertigte Meinungen außer Acht zu lassen, zum gleichen Schluss kommen müsste. Tatsächlich machten sich immer mehr Menschen diese Ansicht zu Eigen – auch die Mehrheit der Israelis und Palästinenser.
Eine doppelte Katastrophe
Dennoch ließ man weitere drei Jahrzehnte verstreichen, bis endlich das Zwei-Staaten-Modell durch die Zustimmung des Sicherheitsrats in die Resolution 1379 im März 2002 mündete. Aufgrund der sträflichen Nachlässigkeit der Hauptakteure wurden in der Zwischenzeit sicher viel zu viele Jahre sinnlos vergeudet.

Die Folgen des israelisch-arabischen Krieges: Für die Palästinenser markierte das Jahr 1948 die sogenannte "Nakba", die Katastrophe. Die Staatsgründung Israels 1948 und der bewaffnete Konflikt bedeutete für sie Flucht, Vertreibung und Enteignung. Während dieser Zeit war die israelische Kontrolle über die Palästinenser und die zerstörerische – und selbst-zerstörerische – Enteignung und Besiedlung ihres Landes schnell fortgeschritten und bedrohte nicht nur die Aussicht auf einen existenzfähigen palästinensischen Staat, sondern setzte auch die Zukunft eines überwiegend jüdischen Staats aufs Spiel. Eine doppelte Katastrophe bahnte sich an.
Tatsächlich geht die ursprüngliche Idee eines jüdischen Heimatlands, wenn auch unbeabsichtigt, auf den Dichter Lord Byron im Jahr 1815 zurück. Damals lagen die schlimmsten Tragödien des jüdischen Volkes, wie die Pogrome im zaristischen Russland und der Holocaust der Nazis, noch in ferner Zukunft. Auch sollte es noch mehrere Jahrzehnte dauern bis zum Auftauchen Theodor Herzls, des Gründers des politischen Zionismus. Byron schrieb: "Die wilde Taube hat ihr Nest, der Fuchs seinen Bau, die Menschheit ihr Land, Israel nichts als das Grab!". Mit "Israel" meinte er natürlich das jüdische Volk.
Als man mehr als ein Jahrhundert später sich um einen Ausgleich für das erlittene Unglück der Juden zu bemühen, zahlte ein anderes Volk dafür einen hohen Preis. Die vom Unglück verfolgten Palästinenser hatten sich, genau wie andere kolonisierte Völker, hoffnungsvoll nach einer künftigen Unabhängigkeit und der Freiheit von fremder Herrschaft gesehnt und sahen sich plötzlich mit einem anderen Volk konfrontiert, das an seinem Anspruch für dasselbe Land festhielt. Und natürlich widersetzten sich die Palästinenser. Jedes Volk hätte sich an ihrer Stelle widersetzt. Die Israelis hätten dies mit Sicherheit auch getan.
Der größte Verlierer im geopolitischen Lotterie-Spiel
Enteignet und geschwächt gehörten die Palästinenser wohl zu den größten Verlierern der geopolitischen Lotterie, die auf den Schrecken des Zweiten Weltkriegs folgte. Ihr Vergehen war im Wesentlichen, einem anderen unglücklichen Volk und seiner verzweifelten Überlebensstrategie im Weg zu stehen.

Opfer im Ränkespiel der politischen Mächte: "Enteignet und geschwächt gehörten die Palästinenser wohl zu den größten Verlierern der geopolitischen Lotterie, die auf den Schrecken des Zweiten Weltkriegs folgte", schreibt Klug. Dieser tragische historische Zusammenstoß – das Produkt von Jahrhunderten des bösartigen Antisemitismus der europäischen Nationen in den eigenen Ländern und ihres eigenen, skrupellosen Imperialismus im Ausland – ist die Wurzel des Konflikts. Alles andere wurde im Nachhinein hinzugefügt.
Eigennützige Erklärungen, welche eines der beiden Völker als von Natur aus boshaft darstellen oder ihre Geschichte verfälschen, um ihr Leiden herunterzuspielen oder ihre nationalen Errungenschaften zu schmälern, tragen nicht zu unserem Verständnis des Problems oder zur Lösungsfindung bei. Sie wirbeln nur die Probleme durcheinander, vertiefen den Hass und vergiften das Klima. Beide Seiten halten mit ihren Argumentationen unbeirrt an ihren Bedingungen fest. Dennoch kann keiner Seite allein Recht gegeben werden, denn auch die andere Seite hat starke und sehr berechtigte Argumente.
Das Resultat ist, dass beide Völker den zwingenden Wunsch nach einem eigenen Staat hegen. Alle Aussagen und alle Argumente weisen auf dieses Streben hin – ein Streben, das heute nicht weniger stark ist als vor 40 Jahren, als ich mich in meinem Pamphlet (Tony Klugs Fabian-Pamphlet "Der Nahostkonflikt: Eine Geschichte zweier Völker"; Anmerkung der Redaktion) für eine Zwei-Staaten-Lösung aussprach.